• 12.01.2012Nr. 03/2012

Der Betreute Bewohner

Ein Blatt für die Bewohner des Hauses Sieker Landstr. 33

Unabhängiges Kampfblatt für Toleranz und Verständnis

Schiffbruch Schiff sinkt vor Teschelling

 

   Der Chief-Mate stemmt sich mit den Füßen gegen einen Poller und hält sich mit der einen Hand an der Reling fest. Das Schiff ist am Sinken, das Wetter furchtbar, Windstärke 6-8 in Böen 10 aus NW, Sichtweite vielleicht 1-2 Seemeilen. Es ist morgens gegen 8 Uhr. Er blickt nach achtern. Der Schlepper, 1599 BRT liegt auf der Backbord-Seite, das Heck auf dem Grund, der Steven ragt aus dem Wasser. Er ist einer der größten seiner Art, 90 m lang, 12m breit, 9 m Tiefgang, Pfahlzug 183 Tonnen.
   Neben ihm die Besatzung an der Reling, Elektriker, Koch, Maschinisten, Matrosen, Chief aus der Maschine und zum Schluss der Alte festgekrallt an der Reling, alle total übermüdet und pudelnass, wie Hühner auf der Stange.
  Die Gang ist multi-national. Die Schiffsleitung, vier Mann, ist deutsch, der Funker kommt aus Polen, die Matrosen und Reiniger aus den Filipinen, darunter zwei Moslems. Einer der Reiniger stammt aus Burma und der Koch ist Chinese, ein sehr guter Koch übrigens. Das Gepäck hat sich Rasmus schon geholt, das heißt ein überkommender Brecher hat es weggewaschen. Über ihnen lärmt ein Helikopter und versucht sich gegen den Wind auf der Stelle über dem Wrack zu halten... Der Chief-Mate ist ziemlich erleichtert. Die Lage ist übersehbar – wenigstens keine Toten oder Verletzten.
  Die letzten Stunden waren doch ziemlich dramatisch Es begann eigentlich ganz harmlos. Ein riesiges Dock, 320 m lang, 40 m breit, 12 m hoch, aber nur mit einem Tiefgang von 90 cm, nicht mal ein Meter, sollte von Bremerhaven nach Algerien geschleppt werden – eigentlich reine Routine. Die Fahrt ließ sich auch gut an. Der Alte hatte 750 Meter Schleppdraht ausstecken lassen, bei dem flachen Wasser in der Nordsee genau richtig. Am nächsten Tag bildete sich überraschend sich ein kleines Tief über der Nordsee. Der Schleppzug lag inzwischen querab von Ameland, einer der westfriesischen Inseln, als der Wind so auffrischte, dass keine Fahrt voraus mehr möglich war. Kaptän und 1.Offizier (Chief-Mate) teilten sich die Wache auf der Brücke, alle 6 Stunden wurde gewechselt. Eine Nacht, einen Tag und eine Nacht ging das so.
  Der Schleppzug trieb im Tidenstrom, mal ein paar Meilen nach Osten, mal ein paar Meilen nach Westen. Natürlich arbeitete der Schlepper auch gewaltig auf jede Seite.
  Um 04.00 Uhr übernahm der Chief-Mate die Wache auf der Brücke. Zu diesem Zeitpunkt trieb der Schleppzug in ENE-liche Richtung mit etwa 4 Knoten. 05.42 Uhr brach der Draht, der Alte übernahm und Generalalarm wurde ausgelöst. Wenige Minuten später waren Chief-Mate und Matrosen, ausgerüstet mit Arbeitsschwimmwesten und Sicherheitsgurten an Deck – die Matrosen hatten in ihren Klamotten geschlafen.
  Der Alte hatte inzwischen das Schiff umgedreht und fuhr mit „Voll Voraus“ hinter dem Dock her. Das Dock trieb mit 8 Knoten Richtung Küste. Die beiden Notanker wurden einfach durch den Schlick gezogen. Inzwischen kämpften Chief-Mate und Matrosen, bis zum Bauch im Wasser stehend, mit dem Ersatzdraht. Schließlich wollte man so schnell wie möglich das Dock wieder einfangen, bevor es an der Küste strandete. Der Schlepper hatte das Dock fast erreicht und fuhr in sicherem Abstand neben ihm her. Der Chief-Mate schloss gerade, bis zum Bauch im Wasser stehend, ein Schott (Tür) im Windenhaus hinter einem Matrosen, als das Schiff sich nach backbord überlegte und ein dadurch hervorgerufener Schwall Seewasser den Steuermann von den Füßen riss. Der konnte sich gerade noch am Windenhaus festhalten und lag waagrecht im Wasser. In diesem Augenblick knallte die Ecke des Docks genau an dieser Stelle in den Schlepper. Es war exakt 06.10 Uhr. Anscheinend hatte einer der Anker überraschend gefasst, das „leichte“ Dock wurde herumgerissen und der Schlepper war mit 1.200 Tonnen Bunker zu schwerfällig, um noch zu entkommen.
  Die drei Matrosen hatten das Unglück kommen sehen und sich Achterkannte Aufbauten in die Höhe gerettet. Die Situation entbehrte nicht einer gewissen Dramatik, denn wie sie später berichteten, hielten sie den auftauchenden Chief-Mate für ein Gespenst, leicht abergläubisch, wie sie waren. Aus ihrer Perspektive sah es aus, als wäre der Chief-Mate zwischen Dock und Schlepper geschwemmt und zerquetscht worden.
  Wie es sich herausstellte, klafften in der Backbord-Bordwand etliche größere Löcher und das Wasser strömte in den Raum. Der Funker setzte eine „Mayday“- Meldung ab. Dann wurden ein Anker geschmissen, Pumpen im Hauptmaschinenraum installiert. Die Rettungsboote wurden klar gemacht. Das Wasser stieg aber trotz der einwandfrei arbeitenden Pumpen. Das Schiff musste aufgegeben werden. Gegen 0740 Uhr erschien ein supermodernes, holländisches Rettungsboot mit „Jet-Antrieb“, zeitgleich mit einem großen Helikopter.
  Die Besatzung versammelte sich mit dem Gepäck auf der Back an Steuerbord, etwa 3 Meter über dem Schleppdeck. Alle Mann hielten sich an der Reling fest, um auf dem ölverschmierten Deck nicht auszurutschen. In diesem Augenblick holte das Schiff nach steuerbord über und ein besonders großer Brecher rollte von achtern heran und nahm das ganze Gepäck mit. Daraufhin gab der Kaptän Order, den Helikopter zu nehmen.
  Inzwischen hatte die Backbord-Schlagseite beständig zugenommen. Die Besatzung kämpfte sich an der Reling nach vorne, um aus dem Bereich der Aufbauten herauszukommen. Chief-Mate an der Spitze und der Alte als Letzter um sicher zu stellen, dass niemand bei der herrschenden Schlagseite unbemerkt verloren ging. Das Heck setzte auf, der Steven ragte aus den Wellen.
  Ein Mann aus dem Heli löst sich und schwebt an einem dünnen Stahlseil nach unten und nimmt auf dem Rückweg einen Seemann mit. Dann geht es Schlag auf Schlag. Nach einiger Zeit kommt vom Helikopter die Information, dass er voll ist. Das bedeutet, der verbliebene Rest der Besatzung muss von dem Wrack in das Wasser springen. Es ist kurz vor 0800 Uhr als der Alte die Order gibt, in den Bach zu springen. An Bord sind noch der Kaptän, der Chief-Mate und 5 Matrosen. Die filipinischen Seeleute zögern etwas, als aber der Erste gesprungen und unten wieder aufgetaucht ist, springen seine Kameraden einer nach dem anderen. Zurück bleiben Kaptän und Steuermann. Jetzt springen auch der Chief-Mate und als Letzter, der Kaptän. Es ist 0800 Uhr. Der Kaptän wird noch vom Hubschrauber aufgefischt, der Steuermann als letzter von der Crew des Rettungsboots aus dem Wasser gezogen. 10 Minuten später ist der Schlepper bei der Tonne TE 3 gesunken.

Witz der Woche:

Der Lehrer fragt: „Was passiert mit Silber, wenn es an draußen liegt?“ – „Es wird geklaut, Herr Lehrer…“ /Fite_neu.png" height="71" width="71" />

Fiete, der Dackel, zitiert Sepp Herberger: „Der Ball ist rund…“

 

Aktualisiert ( Mittwoch, den 08. Februar 2012 um 13:00 Uhr )